Wegweisende medizinische Grund- und Spitalversorgung

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In Zweisimmen braucht es ein Spital und in Saanen ein Gesundheitszentrum! Dies ist die Erkenntnis der von Regierungsrat Pierre Alain Schnegg eingesetzten Arbeitsgruppe. Denn die Gesundheitsversorgung in der Region funktioniert nur mit einem gut abgestimmten Netzwerk mit dem Spital, Hausärzten, der Spitex sowie weiteren paramedizinischen Angeboten. Diese sollen sektorübergreifend zusammenarbeiten und mit einer zentralen Anlaufstelle einen «Gesundheitscampus» bilden. Mit diesem Vorschlag wird eine innovative und kooperative Lösung konzipiert, welche die medizinische Grund- und Spitalversorgung langfristig sicherstellt und den Bedürfnissen der Region gerecht wird.

Die bisherigen Experten kamen alle zum Schluss, dass ein Spital für die Region zu teuer sei. Mit dieser rein ökonomischen Sicht, kamen sie aber zu keinem für die Bevölkerung zufriedenstellendem Ergebnis. Um die verfahrene Situation neu zu beurteilen, setzte Regierungsrat Pierre Alain Schnegg erneut auf eine Expertengruppe, die in der Region so manches Misstrauen auslöste.

Eine breitere Sicht auf die Gesundheitsversorgung

Die unter der Leitung von Stefan Stefaniak und der Lausanner Firma Paianet Anfang März 2018 eingesetzte Arbeitsgruppe, sollte die Anforderungen an ein Spital in Zweisimmen klären. Um die Bedürfnisse der Region zu ermitteln, hörte Stefaniak erstmals einfach zu. Er kam nicht mit irgendwelchen Modellen, sondern stützte seine «Expertengruppe» breit ab. Etwa 50 Personen trafen sich nun am vergangenen Samstag, 15. September in der Mehrzweckhalle St. Stephan, um das Ergebnis ihrer Arbeit zu erfahren. Stefaniak wollte nicht einfach die Frage: «Braucht es ein Spital in Zweisimmen?» mit «Ja» oder «Nein» beantworten. Er klärte zwölf verschiedene Varianten sowohl ambulant als auch stationär ab. Dabei betrachtete er das Spital nicht losgelöst von der restlichen Gesundheitsversorgung, sondern im Kontext mit den anderen Leistungserbringern in der Region. Er stellte fest, dass die Grundversorgung der Hausärzte zurzeit auf das Spital abgestimmt ist und dessen Schliessung darum auch diesen Bereich einschneidend treffen würde.

Die verschiedenen Varianten

Als Ergebnis der Arbeitsgruppe wurde festgehalten, dass nur zwei der zahlreichen Optionen sinnvoll umsetzbar wären:

Option C1: Die Schliessung des aktuellen Spitals und Aufbau eines Gesundheitsversorgungszentrums, um die 24-Stunden Notfallversorgung mit einem ambulanten Zentrum sicherzustellen. In diesem Zentrum würde die medizinische Grundversorgung durch die Zusammenführung der Haus- und Facharztpraxen der Region abgedeckt. Zusätzlich könnten in einem Eingriffsraum auch kleinere Operationen (ohne Voll-Narkose) durchgeführt werden, die Dialyse würde aufrecht erhalten und eine 24-Stunden-Anlaufstelle für die Bevölkerung würde neben einer Grundversorgung, einer professionellen medizinischen Triage auch einige Überwachungsbetten anbieten, in denen Patienten über Nacht zur Beobachtung verbleiben können.

Oder die Option D4: Neubau eines Spitals und Betrieb ähnlich des heutigen Portfolios mit einigen Anpassungen. Dies entspricht in etwa dem heutigen Leistungsumfang des Spitals Zweisimmen, würde aber erneut ganzjährig einen 24-Stunden OP sicherstellen. Beide Varianten haben aber einen grossen Nachteil. C1 ist kaum ausreichend und D4 ist kaum finanzierbar. Die Teilnehmer der Arbeitsgruppe räumten den Vertretern der Region besonders viel Bedeutung ein und nahmen ihre Argumente auf. Darum stellte sich schnell heraus, dass «die Schliessung des Spitals Zweisimmen die Bevölkerung weiter verunsichern würde und davon ausgegangen werden kann, dass dies auch wesentliche Auswirkungen auf die Attraktivität der Region für Touristen sowohl im Simmental als auch im Saanenland haben würde.»

Albin Buchs, eine Stimme aus dem Simmental

Seit Januar dieses Jahres war ich in dieser Sachfrage als Arbeitsgruppenmitglied etliche Male in Bern. Es folgten harte, intensive, aber faire Diskussionen in der Zusammenarbeit mit der GEF, der STS, mit Herrn Stefaniak als externer Projektleiter und uns als Vertreter der Region. Erwähnenswert für mich ist, dass  Regierungsrat Pierre Alain Schnegg praktisch immer persönlich anwesend war und so die Diskussion mitgestaltete. Viele Gespräche wurden in der Region mit Institutionen, Leistungsträgern und politischen Vertretern geführt, was für mich sehr vertrauensfördernd war und die Ernsthaftigkeit des Projektleiters zeigte.

In der Arbeitsgruppe wurde eine komplette Auslegeordnung verschiedenster Varianten gemacht, mit dem Resultat, dass sich alle herkömmlichen Varianten Schlussendlich als nicht praktikabel und umsetzbar zeigten. Diese Situation öffnete den Weg für die, am Workshop präsentierte Idee, von einem Gesundheitsnetzwerk Simmental-Saanenland. Diese Variante ermöglicht der Region, Verantwortung zu übernehmen, neue Ideen und Innovationen zuzulassen sowie Synergien zu nutzen.

Heute kann ich aus Überzeugung sagen: Wir haben einen Lösungsansatz gefunden, hinter dem ich stehen kann.

Mit diesem Lösungsansatz haben wir endlich eine echte Chance, mit dem vorgesehenen Gesundheitsnetzwerk für unsere Bevölkerung eine zukunftsorientierte, flexible und innovative Grundversorgung zu haben, die wir selber mitgestalten können.

Die GEF wird nun für die nächsten Monate einen Projektleiter benennen müssen, um mit dem Einbezug der GEF, der STS und der Region die Arbeiten auf verschiedenen Ebenen zu starten.

Wir als Bevölkerung sind aufgefordert, diese Ausgangslage zu nutzen, uns zu engagieren und positiv motivierend diesen Neuanfang mitzugestalten.

Die Region braucht eine ganzheitliche Lösung

Die Arbeitsgruppe schlägt vor, einen neuen Lösungsansatz, den Gesundheitscampus, in dem auch stationäre Leistungen angeboten werden, weiter zu verfolgen. Stefaniak ist von der Stimmung in St. Stephan positiv beeindruckt: «Ich bin überrascht, dass das Ergebnis so einen breiten Anklang findet. Leistungserbringer, niedergelassene Ärzte, die Spital STS AG, die politischen Vertreter sowie einige Gästevertreter stehen voll hinter dieser Variante».

Aktive Mitgestaltung der Region

Das Spital wird also in Zukunft nicht mehr alleine betrachtet, sondern ist Teil eines Gesundheitsnetzwerks, das alle Leistungserbringer und Gesundheitsdienstleiter umfasst und den Bedarf der gesamten Region abdecken soll. Sowohl Privatpersonen, Unternehmer der Region und allenfalls auch Gemeinden könnten Anteile am Gesundheitsnetzwerk halten und dadurch Verantwortung übernehmen und wesentliche Entscheidungen mitprägen. Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) des Kantons Bern unterstützt diesen Entscheid und schreibt in ihrer Pressemitteilung: «Dies ermöglicht der Region, das Leistungsangebot, z. B. durch die Ansiedelung von niedergelassenen Ärzten oder anderen Leistungserbringern im Gesundheitswesen auf dem Campus, selber zu bestimmen und unabhängiger von Entscheidungen zu sein, die ausserhalb des Simmentals und Saanenlands gefällt werden. Mit dem integrierten Gesundheitsnetzwerk soll die bestmögliche und Sektoren übergreifende Versorgung der Bevölkerung erreicht werden und dem in der Region drohenden Hausärztemangel entgegengewirkt werden.»

Toni von Grünigen, ein Vertreter aus dem Saanenland

Ich habe den Eindruck, dass in St. Stephan ein Ruck durch die Vertreter der verschiedensten Organisationen gegangen ist. Die Einsicht, dass wir gemeinsam etwas erreichen können ist gewachsen. Die Arbeitsgruppe hat unter der Führung vom Projektleiter Stefan Stefaniak aufgezeigt, wie wir auch zukünftig eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung im Simmental und Saanenland haben können. Regierungsrat Schnegg mit den Führungskräften der GEF sowie die Vertreter der STS AG haben ihre klare Bereitschaft kundgetan, gemeinsam mit der Region ein zukunftsträchtiges Angebot aufzubauen. Nun ist es an uns, dieses Angebot anzunehmen und unseren Beitrag dazu zu leisten.

Der Entscheid bedeutet für das Saanenland, dass wir im Spitalbereich auch zukünftig ein ähnliches Angebot in Zweisimmen haben wie bisher. Zudem soll bei uns ein Gesundheitszentrum mit einer 24-Stunden-Anlaufstelle erstellt werden. Beides ist für unsere Einwohner und Gäste von grosser Bedeutung und Wichtigkeit. Auch wir sind aber gefordert, beim Aufbau von beiden Institutionen aktiv mit zu arbeiten.

Damit das Vorhaben der Gesundheitsversorgung gelingt, braucht es die Unterstützung von allen im Simmental und Saanenland.

Campus als zentraler Bestandteil

Um Synergien möglichst optimal zu nutzen, die Sektoren übergreifende Zusammenarbeit zu vereinfachen und der Bevölkerung eine zentrale Anlaufstelle zu bieten, soll ein so genannter Gesundheitscampus den zentralen Bestandteil des Gesundheitsnetzwerks bilden. Neben den stationären Leistungen sollen auf diesem Campus möglichst auch die Praxen der Hausund Fachärzte, paramedizinische Berufe, eine Apotheke, die Maternité Alpine, die Spitex, das Alterswohnen und andere gesundheitsrelevante Anbieter Platz finden. Dieser Campus soll in einem Neubau in Zweisimmen eingerichtet werden. Ergänzt wird dieses Angebot durch ein Gesundheitszentrum in Saanen, mit einer rund um die Uhr geöffneten Anlaufstelle, Hausarztpraxen, einer Triage und einer guten Einbindung in den Rettungsdienst.

Die Umsetzung der Idee

«Die Konzeptidee basiert darauf, dass nicht Bern etwas entscheidet und hinstellt, sondern dass die Region selber nach einer Lösung sucht und erarbeitet – unter der Mithilfe von Bern», betont Stefaniak den neuen Ansatz. «Das Ergebnis muss so gut sein, dass die Region es unterstützt.» Die Umsetzbarkeit des Vorhabens hängt denn auch wesentlich von der Bereitschaft der Beteiligten ab, sich aktiv ins Projekt einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Es wird nun eine Projektgruppe eingesetzt, in der alle beteiligten Akteure ein Detailkonzept erarbeiten. Die GEF erklärte sich bereit, die Startphase des Projekts zu finanzieren. Weiter sollen bis in zwölf Monaten ein Finanzierungskonzept unter Einbezug der GEF, der Spital STS AG, der Region und der künftigen Akteure erarbeitet und die Klärungen betreffend Grundstücke, Bauten und Infrastruktur erfolgen. Vonseiten der STS AG werden die aktive Beteiligung an den Projektarbeiten und die Öffnung ihres Netzwerks sichergestellt. Diesmal geht Regierungsrat Pierre Alain Schnegg also einen anderen Weg, es wird nicht zuerst auf die Kosten geschaut, sondern es wird zuerst das für die Region benötigte Konzept erarbeitet. Wenn dieses steht, so wird geprüft, wie es finanziert werden kann.

Fabian Kopp

Marianne Haueter, Verwaltungsrätin Spital STS AG und Co-Betriebsleiterin Maternité

Die Arbeitsgruppe hat gute Arbeit geleistet und der eingesetzte Projektleiter, Herr Stefaniak hat überzeugt mit seiner Analyse und dem Vorschlag für ein integriertes Versorgungsmodell (ambulante-stationäre Versorgung und Notfallversorgung sektorenübergreifend zusammenlegen). Der Weg, wohin die Reise gehen soll, wurde aufgezeigt.

Es ist ein Modellvorschlag, welcher der Region wieder Mitsprache und Mitverantwortung in einer neuen Trägerschaft zurückgibt, z. B. der Vorschlag einer Genossenschaftsform ist auf dem Tisch. Die jetzige Gesundheitsversorgung am Spital Zweisimmen durch die Spital STS AG wird in der bisherigen Form weitergeführt und gewährleistet, bis das neue Versorgungsmodell startklar ist.

Ich finde dieses Versorgungsmodell innovativ und  zukunftsträchtig, auch wenn noch viele Details konkret zur erarbeiten sind, bin ich überzeugt, dass dazu bereits viel Wissen und Können in unserer Region vorhanden ist. Alle Vertreter aus der Arbeitsgruppe der Region Simmental und Saanenland und der Spital STS AG haben sich geeint hinter das vorgeschlagene Modell gestellt und die Wichtigkeit der Zusammenarbeit und die Überzeugung geäussert, dass «wir es zusammen schaffen» eine gute innovative Lösung in der Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung der Region zu erarbeiten. Ich bin überzeugt, dass ein integriertes Versorgungsmodell die richtige Lösung für die  Region ist und es ein attraktives Modell für Gesundheitsfachleute aller Disziplinen ist, insbesondere auch für den Nachwuchs von HausärztInnen.

Für die Mitarbeiter/-innen des Spitals Zweisimmen wurden nun nach der längeren Zeit der Ungewissheit eine Perspektive für die Zukunft aufgezeigt. Bestehende Ressourcen und Know-how können eingebunden und genutzt werden.

Für die Maternité Alpine ist es wichtig, dass in der Nähe eine 24-Stunden- Notfallversorgung erhalten bleibt.

Bergregion Obersimmental-Saanenland
Ja zum neuen Konzept und dessen Verwirklichung

Unsere Region wird in Fragen der Gesundheitsversorgung mehr mitbestimmen und Einfluss nehmen können. Dazu muss die Region aber auch mehr Verantwortung übernehmen. Sie kann das Leistungsangebot selber beeinflussen und wird weniger von externen Entscheidungen abhängig sein. Die Integration von ambulanten und stationären Fällen in eine ganzheitliche Betreuung im Netzwerk ergibt die optimale Versorgung und Betreuung. Zusätzlich ermöglichen flexible Nutzungen, die Angebote zukünftigen Bedürfnissen anzupassen.

Finanzierung

Die GEF sowie die Spital STS AG sind sich ihrer Verantwortung bei der Finanzierung bewusst. Eine Optimierung der Kostenfaktoren, die Konzentration der Betreiberin auf die Kernkompetenzen und eine effiziente Nutzung schon bestehender Ressourcen in unserer Region, lassen eine Verbesserung der Finanzierung erwarten, obwohl noch keine Betriebsrechnungen gemacht wurden. Auch die Region und die beteiligten Gemeinden werden sich entsprechend ihrer  Verantwortung sehr eng an den Überlegungen der Finanzierungslösung beteiligen.

Herausforderungen

Der Gesundheitscampus in Zweisimmen ist zentraler Bestandteil der Überlegungen zum Gesundheitsnetzwerk im Simmental-Saanenland. Die Finanzierung mit den zugrunde liegenden Wirtschaftlichkeitsberechnungen ist von verschiedensten Faktoren abhängig. Neben den stationären Leistungen sollten auf diesem Campus auch möglichst alle Praxen und Anlaufstellen von gesundheits relevanten Anbietern Platz finden. Dazu müssen sich aber Haus- und Fachärzte mit den weiteren Leistungserbringern im Gesundheitswesen und der neuen Situation auseinandersetzen und mit ihrer Präsenz vor Ort, den Betrieb eines Campus  überhaupt erst ermöglichen.

Von der Idee zur Konkretisierung

Mit dem Ziel einer langfristigen Lösung werden die laufenden Projekte (z. B. MedBase in Zweisimmen) auf die neue Ausgangslage abgestimmt und alle relevanten Akteure in den Prozess der Bildung des Gesundheitsnetzwerks einbezogen. Priorität hat die Gründung der Trägergesellschaft für das  Gesundheitsnetzwerk und den Campus mit den notwendigen Konzepten inkl. Finanzierung und Wirtschaftlichkeitsberechnungen. In der Zwischenzeit ist der Spitalbetrieb bei gleichem Leistungsangebot durch die Spital STS AG sichergestellt.

Mitbestimmung und Mitverantwortung bei der Versorgung

Der Gesundheitscampus in Zweisimmen mit dem Gesundheitszentrum in Saanen und dem übergreifenden Gesundheitsnetzwerk stellt die Basis dar für die zukünftige Gesundheitsversorgung in der Region Simmental-Saanenland. Damit aus dieser Vision eine Realität wird, sind wir alle gefordert. Wir in der Politik, zusammen mit der Bevölkerung, den Leistungserbringern im Gesundheitswesen und unserer innovativen Unternehmerschaft sowie unseren Gästen, haben die Möglichkeit, das zukünftige Leistungsangebot in der Region mitzubestimmen und mitzugestalten.

Wir politische Vertreterinnen und Vertreter schätzen das sehr grosse Engagement der GEF und ihrem Direktor Pierre Alain Schnegg für eine zukunftsgerichtete Gesundheitsversorgung.

Wir stehen hinter dem am Workshop vom 15. September 2018 vorgestellten Konzept für einen Gesundheitscampus in Zweisimmen, ein Gesundheitszentrum in Saanen sowie ein integriertes Gesundheitsnetzwerk für die gesamte Region Simmental-Saanenland. Wir setzen uns für eine umgehende Konkretisierung und Umsetzung der Ideen im Hinblick auf eine langfristige Lösung in der Gesundheitsversorgung im Simmental-Saanenland ein.

Andreas Grünig

Simmental Zeitung

20.09.2018|