Stunk um das Medical Center

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Letzten Dienstag eröffnete die Localmed AG eine neue Filiale in den Räumlichkeiten des ehemaligen Spitals Saanen. Für ihre Wochenendpräsenz will der Gemeinderat in die Tasche greifen. Das passt lokalen Hausärzten gar nicht in den Kram.

Im Chaletteil des ehemaligen Spitals Saanen hat sich die Localmed Aare AG eingenistet und letzten Dienstag, 15. Dezember, den Betrieb des Medical Center aufgenommen. Praktisch gleichzeitig ist um das neue Ärztedienstleistungszentrum bereits eine politische Diskussion entbrannt.

Am Eröffnungstag erschienen im «Anzeiger von Saanen» gleich zwei Leserbriefe von Hausärzten, die lange Jahre im Saanenland ­tätig sind. Sie klopfen dabei aber nicht primär dem Medical Center, sondern der Gemeinde Saanen auf die Finger.

Der Grund ihres Unmutes: In einem Infoschreiben, das unter anderem auf der Website der Gemeinde Saanen erschien, gab der Gemeinderat bekannt, die Localmed Aare AG mit jährlich 100’000 Franken unterstützen zu wollen, damit diese ihre Klinik auch an Wochenenden geöffnet hat.

Weitere 100’000 Franken sollen von den «Freunden des Gesundheitswesens» beigesteuert werden. «Der Sicherstellung der medizinischen Grundversorgung im Saanenland räumt der Gemeinderat eine hohe Priorität ein», begründet der Rat sein Vorhaben.

«Komfortangebot»

Daran stört sich unter anderen Nikolaus Hoyer, der in Gstaad mit einer Kollegin und einem Kol­legen eine Hausarzt-Gemeinschaftspraxis führt. «Die medizinische Grundversorgung am Wochenende ist bereits jetzt und war schon immer sichergestellt!», schrieb er in seinem Leserbrief.

Und ergänzt auf Anfrage: «Das Medical Center ist ein Komfortangebot für Gäste und Touristen, die dort jederzeit vorbeigehen können, ohne vorher das Telefon in die Hand zu nehmen.»

Er habe grundsätzlich nichts gegen das Medical Center, sagt Hoyer – im Gegenteil: «Wir Hausärzte sind froh um die Unter­stützung, damit wir unseren Überlauf weitergeben können. Aber das ist vor allem werktags ein Problem, nicht an Wochen­enden.»

Die paar Fälle, die an Wochenenden den Einsatz eines Dienst habenden Arztes verlangten, könne er jeweils problemlos allein bewältigen. «Dafür brauche ich nicht einmal eine Praxisassistentin.»

Jeder Hausarzt im Kanton, der eine Praxis betreibt, ist verpflichtet, in einem Turnussystem mit anderen Ärzten in der Region an Wochenenden Pikettdienste zu schieben. Sie werden via das sogenannte Medphone aufgeboten.

An diesem Turnus beteiligt sich neu auch das Medical Center. «Doch wenn sie auch dann geöffnet haben, wenn ein anderer Arzt Dienst hat, sind die Ressourcen verschwendet.»

Betrieb gut angelaufen

Laut Daniel Flach, Geschäftsführer der Localmed Aare AG, erfüllt diese lediglich einen Auftrag der Gemeinde. Diese wünschte, dass das Medical Center auch am Wochenende zwischen 8 und 20 Uhr geöffnet hat. «Wir können das tun, aber es rentiert nicht», so Flach.

«Darum beteiligen sich die Gemeinde sowie die ‹Freunde des Gesundheitswesens›.» Die Opposition der Hausärzte könne er nicht nachvollziehen. Auch wehrt sich Flach gegen den Vorwurf des Hausarztes Ondrej Müller-Müller, der in seinem Leserbrief schrieb, das Angebot des Medical Center liege unter jenem von Hausarztpraxen. «Wir bieten jetzt schon gewöhnliche Hausarztmedizin an», so Flach.

«In der kurzen Zeit seit dem Zuschlag von Mitte Sommer fehlte uns schlichtweg die Zeit, eine Hausarztpraxis aufzubauen.» Dies strebe man aber an. Im Verlauf des Jahres 2016 solle die Notfallmedizin im Medical Center mit einer Hausarztpraxis ergänzt werden.

Sieben Vollzeitstellen verteilt auf zehn Personen (Ärzte und Praxisassistentinnen) sind vor Ort im Medical Center untergebracht. Seit der Eröffnung am 15. Dezember sei der Betrieb gut angelaufen, sagt Daniel Flach. «Es gab schon etliche Patienten – übrigens auch am letzten Wochenende.» Auch habe man schon einen Patienten ins Spital Zweisimmen weitergeleitet. «Die Zusammenarbeit klappt gut.»

Wohl ein Referendum

Ob ein offenes Medical Center an Wochenenden tatsächlich nötig sei, darüber könne man diskutieren, sagt Gemeindepräsident Albert Bach. «Wir sehen dies als Dienstleistung nicht nur für die Einheimischen, sondern auch für die vielen Gäste und Touristen», erklärt er auf Anfrage.

Offiziell läuft der volle Betrag von 200’000 Franken über die Gemeinde Saanen, weil der Anteil der «Freunde des Gesundheitswesens» zwar verbindlich zugesichert, aber wirtschaftlich noch nicht sichergestellt ist, wie der Rat schrieb. 100’000 Franken würden gerade noch in die Finanzkompetenz des Gemeinderates fallen, 200’000 Franken unterstehen jedoch dem fakultativen Referendum.

Laut Nikolaus Hoyer ist damit zu rechnen, dass dieses Referendum zustande kommt. Dafür braucht es 150 Unterschriften bis zum 14. Januar. Nicht nur die Ärzte, sondern auch Leute aus der Bevölkerung würden mithelfen, die Unterschriften zu sammeln.

Dann kommt das Geschäft vor die Gemeindeversammlung – und Hoyer hat ein Teilziel erreicht: «Die Bevölkerung muss wissen, wofür sie zur Kasse gebeten wird.» Und dies sei nicht, wie angegeben werde, die medizinische Grundversorgung im Saanenland.

Berner Zeitung

Quelle: https://www.bernerzeitung.ch/region/oberland/Stunk-um-das-Medical-Center/story/20691901

23.12.2015|